
Autor: Prof. Univ. Dr. Helmut Arntz, Bad Honnef
Der
Vater
von Karl Simrock war Großgrundbesitzer in Honnef
Zwischen 1827 und 1830 kaufte er 86 Grundstücke
im Bereich Menzenberg
Nikolaus Simrock, am
23. August 1756 in Mainz geboren, nach neun Jahren Dienst in einer französischen
Militärkapelle auf sein Gesuch durch Kurfürst Maximilian Friedrich nach Bonn
berufen, ist bis 1792 Waldhornist in der kurfürstlichen Kapelle. Gleichzeitig
hat er schon einen Musikalienladen, aus dem um 1800 der Simrock'sche Musikverlag
entsteht, und handelt mit Musikinstrumenten, Schreibwaren, Leinen und Wein. Das
muss ihm ein beträchtliches Vermögen eingebracht haben; denn seit 1820 kauft
Nikolaus Simrock, was an Grundstücken nur zu haben ist: den Wicheishof in Bonn,
den Frohnhof in Niederbachem, zu dem fünf kleinere Weingüter gehören, vier Häuser
in der Bonner Maargasse und Bonngasse, mehr als 20 große Ländereien in
Poppelsdorf, Kessenich und andern (damals noch selbständigen) Bonner
Stadtteilen. 1827 muss sein Auge auf Honnef gefallen sein; denn aus der
Simrockschen Verkaufsliste, die 18:38 abgeschlossen wird, gehen 86 Grundstücke
hervor die in den Jahren 1827 bis 1830 erworben wurden, fast sämtlich in den
Fluren 27, 28 und 29, also der Gegend um Hagerhof, Zickelburg, Menzenberg.
Den Anstoß zu diesem
starken Engagement hatte vielleicht gegeben, dass Nikolaus Simrock, Vater von
Karl Simrock, am 12. Oktober 1827 der Regierung in Köln zwei Weingüter im
Menzenberg kaufen konnte, das "Reuschische“ und das "Neunkirchsche",
so nach den Pächtern benannt. Der Handriss zur Urkarte von 1825 ist in Flur 27
auf den Flurstücken 85 und 86 Weingut aus, beschriftet "Domainenpächter
Jacob Reusch". Das andere Weingut liegt in Flur 29, Parzellen 306 und 307;
gepachtet von Bertram Neunkirchen.
Der
ehemalige Minoritenhof
Professor J.J. Brungs
gibt in seinem verdienstvollen Buch "Die Stadt Honnef und ihre
Geschichte" (1923) auf S. 112/113 eine lange Liste der von der Bergischen,
später der Preußischen verpachteten, durch den Reichsdeputationshauptschluß
vom 25. Februar 1803 Staatsbesitz gewordenen Honnefer Weingüter. Den von
(damals noch Barthei) Neunkirchen gepachteten ehemaligen Minoritenhof, auf dem
später "Haus Parzival" entstand, nennt er; der Name Reusch kommt
unter den 15 Gütern und Weingärten nicht vor. Das "Reuschische"
Weingut war aber gar nicht klein; es maß 39 Morgen 84 Ruten 96 Fuß
magdeburgisch, was 10.1600 Quadratmeter oder gut 10 Hektar sind, und war damit
etwa ebenso groß wie das "Neunkirchsche" Weingut mit 41 Morgen 23
Ruten 41 Fuß oder fast genau 10,5 Hektar.
Großgrundbesitzer
am Ort
Schon mit diesen
beiden Weingütern war Nikolaus Simrock also für Honnefer Verhältnisse ein Großgrundbesitzer
am Ort. Er besaß aber noch mehr, was aus der Verkaufsliste vielleicht nur
unvollständig hervorgeht; lauter Grundstücke, die über die Flurlagen um
"im
Reuschen Berge", "zum Nötgen Stall" und "Am Menzenberg" so
verstreut sind, dass sie offenbar nur als Geldanlage und ohne die Absicht
gekauft waren, sie selbst zu nutzen. Nur jeweils ein Flurstück, zumeist
Holzung, liegt Im Mütches Tal, Im Hilger, Am Betterkammer Puht, Auf der
Sandkaul, Im Weizen Felde, Auf dem München Berge, dies als Beispiele aus den 25
Grundstücken in Flur 28; sonst sind es je Flurlage allenfalls zwei. Die Flurstücke
sind, zumal für Holzungen, Im allgemeinen nicht groß; Nr. 200 zum Beispiel nur
7 Ruten 15 Fuß, also knapp 100 qm. Trotzdem ergeben die 86 Grundstücke in den
vier Honnefer Fluren 27, 28, 29 und 30 zusammen 85 Morgen 105 Ruten 25 Fuß, also
rund 22 Hektar.
1827
von Nikolaus Simrock erworben
Bei den Besitzverhältnissen
gibt es ganz allgemein eine große Merkwürdigkeit; denn auf allen Parzellen
sind Personen eingetragen, die sich auch nachweisen lassen; so in Flur 29 Martin
Dewis, wohnhaft zu Köln (Art. Nr. 144 der Grundsteuermutterrolle) oder Adolph
Heck sen. (Art. 284) und Wilhelm Mehles (Art. 548), beide zu Selhof wohnhaft.
Die Parzellen, auf denen sie eingetragen sind, gehören aber zum "Neunkirchschen"
Weingut, das ungeteilt, wie es der Staat 1803 von den Minoriten übernommen
hatte, an Neunkirchen verpachtet und 1827 von Simrock erworben wird; die
Eingetragenen können also nur Unterpächter der Pächter gewesen sein. Der
Urhandriss als Grundlage des Katasters ist aber zum Zweck der Steuererhebung
angelegt worden; alle darin auf Grundflächen vermerkten Personen müssen
steuerpflichtig gewesen sein, obgleich es nur Unterpächter waren. Für die
Honnefer Familiengeschichte und Namenskunde, um die sich Johannes Jansen so
verdient macht, ist diese reiche Namesgut um 1825 ein Glücksfall.
Auch die Bewertung
ist teilweise erstaunlich. Ein Weingarten des Pächters Reusch misst 2 Morgen
137 Ruten 75 Fuß oder gut 7 000 qm. Sein Reinertrag ist mit 12 Talern 18
Groschen 10 Pfennigen angesetzt. Welch enormer Wert das ist (ein Beweis für die
hohe Wertschätzung des Honnefer Weinbaus noch um 1830) lässt sich erkennen,
wenn das Haus des Jacob Reusch damit verglichen wird, das sich mit einem
Reinertrag von 28 Groschen 35 Pfennigen ganz erbärmlich dagegen ausnimmt.
Allerdings war der "Reinertrag" meilenweit entfernt vom Grundstückswert;
denn bei der Simrock'schen Erbteilung ist das "Reuschische" Weingut
mit 2 750 Taler preußisch courant angesetzt.
Nicht
lange in der Familie
Der immense
Grundbesitz, den Nikolaus Simrock im Bonner Raum angehäuft hatte, ist nicht
lange in der Familie geblieben, nachdem der Erblasser am 12. Juni 1832 die Augen
geschlossen hatte. 1837 erwirbt der Bonner Major Karl von Wumb den größten
Teil des Honnefer Besitzes, und nur das nach 1834 auf ein Siebtel verkleinerte
"Neunkirsche" Weingut bleibt Simrockbesitz.
Karl
Simrock wollte kein Honnefer Winzer werden
Kaum ist Nikolaus
Simrock am 12. Juni 1832 verstorben, da schwärmen die Erben aus, um den
Grundbesitz zu Geld zu machen. Karl mit seinem Bruder Joseph, Eigentümer eines
lithographischen Instituts in Bonn, und ihrem Schwager Anton Keil, vormals
Justizbeamter, der in Paris lebt, fällt die Aufgabe zu, die beiden Honnefer
Weingüter, das "Reuschische" und das "Neunkirchsche", unter
den Hammer zu bringen. So erscheint Notar Clemens August Schäle zu Königswinter
"in Gemäßheit des von dem Herrn Carl Simrock Kammergerichts Referendar
dermalen in Bonn wohnhaft, am Zweiten Oktober (1832) vor dem instrumentirenden
Notar passirten Depositionsactes" in der "Behausung des Gastwirthes
Michael Velt zu Königswinter",um auf den Grund der niedergelegten
Bedingungen den Verkauf zweier zu Honnef am Menzenberg gelegenen ihm und seinen
Miterben gehörigen Weingüter vorzunehmen. In Anwesenheit mehrerer "Steigtustiger"
wird von ihm das Bedingungsheft verlesen. Über den weiteren Verlauf hält das
Protokoll fest:
"Diesemnach
wurde das erste Weingut, wovon Verzeichnus und Abschätzung vorgelegt und
vorgelesen wurde, ausgestellt, und zwar um die Taxe von zwey tausend neunhundert
ein und vierzig Thaler. Da nach einiger Zwischenzeit kein Gebot erfolgte, so
wurde von den Requirenten beliebt, daß das zweite Weingut, benutzt von Heinrich
Neunkirchen, ausgestellet werde, weiches sodann um die Taxe von zwey tausend
drey hundert sieben und sechszig Thater ausgestellt würde. Es bot Herr Cart
Ludwig Fabricius, Königlicher Oberbergbeamter zu Bonn, zwey tausend zwey
hundert Thaler. Da kein höheres Gebot erfolgte, so ,beliebten die Herren
Requitenten, daß beide Weingüter zusammen ausgesetzt würden. Herr Peter Mäurer,
Wirth zu Königswinter, bot drey tausend fünf hundert Thaler. - Herr Philipp
Joseph Lennä, Gutsbesitzer zu Honnef, bot vier tausend Thaler. - Herr Franz
Cart Anton Simrock, Gasthalter zu Bonn, bot vier tausend zwey hundert Thaler. Da
dieses letzte Gebot weit unter Taxe geblieben ist, so erklärten die Requirenten,
daß sie hierfür den Zuschlag nicht ertheiten könnten und die Sitzung hiemit
aufhöben, welches ich Notar den Anwesenden bekannt gemacht habe."
Auf
dem Deckblatt vermerkt
"Die Erben
Nicolas Simrock zu Bonn versuchen den Verkauf zweier Weingüter
der aber nicht genehmigt wird", vermerkt Notar Schäfer auf dem
Deckblatt. Die Schreibung "Nicolas" ist nicht fehlerhaft, sondern
Nikolaus Simrock pflegte sich selbst mit der französischen Form zu bezeichnen.
Drei seiner Töchter heirateten kleine französische Beamte, im Bonner Haus wird
meist französisch gesprochen - Grund genug für Karl Simrock, sich nun erst
recht "deutsch" zu fühlen und gewiss eine Ursache dafür, dass er,
statt sich auf das juristische Studium zu beschränken, zu den Vorlesungen über
deutsche Literaturgeschichte geht und, darauf aufbauend, selbst ein so
bedeutender Künder deutscher Sprache und Überlieferung wird.
Auktionsmethoden
Noch hat er keine
Absicht, den Parzival zwischen Rebstöcken zu übertragen; aber dies Idee kommt
ihm bald. Einstweilen freilich ist das Ergebnis noch schlechter, als da
Protokoll aussagt; denn Carl Ludwig Fabricius ist Karls Schwager, Ehemann von
Anna Simrock, und wollte ebenso wie Bruder Franz Carl Anton kein Weingut
ersteigern, sonder durch ein Gebot andere dazu ermuntern. Die drei Veranstalter
der Auktion brauchen sich nicht zu schämen, denn die Bemühungen der
Familienmitglieder, Grundbesitz zu veräußern sind ebenso erfolglos. Der Preis
von 2367 Thalern, zu dem hier das an Neunkirchen verpachtete Weingut angeboten
wird, ist genau der gleiche, zu dem Karl Simrock zwei Jahre später das Weingut
von seiner Schwester Elisabeht Martin erwirbt.
"Angestellt
für den Landgerichtsbezirk ..."
Ob dem Notar Clemens
August Schäfer missfiel - wie so vielen seiner Landsleute - , dass die
Rheinlande nach den napoleonischen Kriegen Preußen einverleibt worden waren? Während
seine Bonner Kollegen sich "Königlich Preußischer Notar" nennen, heißt
es bei ihm noch 1832: "ich, Notar C. A. Schäfer, angestellt für den
Landgerichtsbezirk Cöln in der Stadt Königswinter im Herzogthum Berg
residiernd ..."
Acht
von dreizehn Kinder lebten beim Tod von Nikolaus Simrock noch
Dreizehn Kinder hatte
Ottilie Francisca Blascheck Nikolaus Simrock über einen Zeitraum von
einundzwanzig Jahren (von 1781 bis 1802) geboren; acht sind 1832 beim Tod des
Vaters noch am Leben. Nach den ergebnislosen Bemühungen, durch den Verkauf des
Grundbesitzers bares Geld zu gleichen Teilen ausschütten zu können, müssen
die Acht sich etwas anderes einfallen lassen. Sie bitten den Königlich Preußischen
Notar Carl Eilender am 4. November 1832 in die elterliche Wohnung, wo sie sich
fast vollständig versammelt haben; nur das Ehepaar Joseph Anton Martin und
Elisabeth geb. Simrock in Dünkirchen wird durch Anton Keil, Ehemann von
Dorothea geb. Simrock vertreten. Die Comparenten erklären dem Notar:
"Nachdem der
Versuch, durch öffentlichen Verkauf der Immobilien zur Theilung der Erbmasse zu
gelangen, gescheitert sei, der Verkauf unter der Hand zu vortheilhaften
Bedingungen aber ein weit aussehendes Ansehen zu gewinnen schien (d.h.
langwierig sein werde), hätten sie einheitlich beschlossen, durch eine
Natural-Theilung sämmtlicher Immobilien unter den Erbbetheiligten aller
ferneren Weitläufigkeit ein Ziel zu setzen. Sie hätten demgemäß die zum
Nachlaß gehörigen Immobilien (mit Ausschluß der schon in acht andere Loose
vertheilt, und ersuchten mich, dieselben hergebrachter Maaßen unter sie zu
verloosen."
Los
1 bis 8
Los 1: Der Wichelshof
in Bonn. - Los 2: Das von Jacob Reusch gepachtete Domänenweingut "Im
Reuschenberg", Menzenberg bei Honnef. - Los 3: Der Niederbachemer Frohnhof,
fast 80 Morgen groß. - Los 4: Haus Nr. 394 in der Maargasse. - Los 5: Haus Nr.
392 in der Maargasse. - Los 6: Haus Nr. 391 in der Bonngasse. - Los 7: Das von
Barthei, dann Bertram, nun Heinrich Neunkirchen gepachtete Domänenweingut am
Menzenberg. - Los 8: Haus Nr. 505 in der Bonngasse; dazu bei Los 5 an die dreißig
Ländereien, teilweise beachtlich groß, in den Gemeinden Poppelsdorf, Kessenich,
Endenich, Lengsdorf, Dottendorf und Bonn.
Lose
unterschiedlich
Es ist einleuchtend, dass die Lose im Wert sehr unterschiedlich sind. Die Erben, die alles in
vorbildlicher Freundschaft regeln, haben daher eine "Masse" gebildet,
eine Vermögensmenge also, aus der oder in die ausgeglichen wird. Dazu das
Protokoll: "Durch Übereinkunft sämtlicher Erbbetheiligten ist der Werth
jedes einzelnen Looses auf sechs tausend Thaler Preußisch courant festgesetzt
worden,.so daß auf den Grund des ebenfalls durch Ubereinkunft festgesetzten
Werthes der in jedes einzelne Loos fallenden Immobilien die einzelnen
Betheiligten, je nachdem das ihnen zu e fallene Loos mehr oder weniger als 66
Thaler beträgt, in baarem Gelde die Masse entschädigen oder von derselben
entschädigt werden müssen. Das im Menzenberg bei Hon, Weingut nef gelegene an
Reusch verpachtete ist zu einem Theilungswerthe von 2 750 Thaler angesetzt,
woraus sich ein Minus von dreitausend zweihundert fünfzig Thalern ergibt,
welche mithin diesem Loose aus der Masse vergütet werden müssen. Das
sogenannte Neunkirchensche Weingut zu Menzenberg bei Honnef ist zu einem
Theilungswerth von 2,367 Thaler angesetzt, woraus sich ein Minderbetrag von 3
633 Thalern ergibt, weichen mithin die Masse diesem Loose herauszuzahlen
hat."
Weinernte
beschlagnahmt
Die Pächter Jacob
Reusch und Heinrich Neunkirchen sind erheblich verschuldet so dass ihnen die
Simrocks die Weinernte beschlagnehrnen mussten, wie sich aus dem Protokoll
ergibt: "in Betreff des im zweiten Loose beschriebenen Räuschischen und des
im siebten Loose beschriebenen Neunkirchschen Weinguts soll der neue Eigenthümer
berechtigt, jedoch nicht verpflichtet sein, die Schuldforderungen an die beiden
Pächter von der Masse zu fünfzig Prozent ihres Nominalwerths zu übernehmen;
jedoch ist er gehalten, sich innerhalb acht Tagen nach der Ziehung bei Verlust
dieses Rechts, hierüber zu erklären."
Karl
Simrock Eigentümer des fünften Loses
Bei der Ziehung fällt
das zweite Los - das von Jacob Reusch gepachtete Weingut - der mit ihrem Ehemann
Marcus Magnier in Paris lebenden Frau Elise geb. Simrock zu, das siebte Los -
das von Heinrich Neunkirchen gepachtete Weingut - der mit ihrem Ehemann Joseph
Anton Martin in Dünkirchen lebenden Frau Elisabeth geb. Simrock. Karl Simrock
wird Eigentümer des fünften Loses, dem Haus Nr. 39 in der Maargasse, das an
seinen Schwager, den Kgl. Oberbergbeamten Carl Ludwig Fabricius, und seine
Ehefrau Maria Anna geb. Simrock vermietet ist, und der Fülle der einzelnen Ländereien
in den damals noch selbständigen Gemeinden rund um Bonn. Es ist sicher das am
schwierigsten zu bewirtschaftende Los. "Herr Anton Keil, als Bevollmächtigter
des Herrn Joseph Anton Martin, welchem das siebte Loos zugefallen, und Frau
Elise Magnier als Eigentümerin des zweiten Loses, von ihrem Ehemann hierzu ermächtigt,
erklären hierdurch, dass sie die Schuldforderungen an die beiden Pächter der
Weingüter zu 50 Prozent von der Masse übernehmen. Übrigens wird nur derjenige
Teil der Forderung zu 50 prozent überlassen, welcher nicht durch die in
Beschlag gelegt diesjährige Weincrcenz bereits gedeckt ist."
Gekauft
am 12. Oktober 1827
Das zweite Loos
"besteht aus dem im Menzenberg bei Honnef gelegenen an Reusch verpachtete
Weingut. Es besteht aus einem Wohngebäude, Kelterhaus, Stallung und Garten, 3
Morgen 178 Ruthen 97 Fuß Weingärten, 4 Morgen 162 Ruthen 95 Fuß Ackerland, 2
Morgen 143 Ruthen 20 Fuß Wiesen und Baumgärten, 25 Morgen 106 Ruthen 70 Fuß
Holzungen, zusammen 39 Morgen 84 Ruthen 96 Fuß magdeburgisch (oder fast genau
70 Hektar). Der Erblasser der Comparenten hat das Gut von der Kgl. Regierung zu
Cöln den 12. Oktober 1827 gekauft, welcher Kauf den 31. May desselben Jahres
vom Kgl. Finanz Ministerium genehmigt worden ist."
Das siebte Los
"besteht aus dem sogenannten Neunkirchschen Weingut zu Menzenberg bei
Honnef und enthält Wohngebäude, Kelterhaus, Stallung und Garten, 3 Morgen 151
Ruthen 77 Fuß Weingärten, 4 Morgen 17 Ruthen 20 Fuß Ackerland, 34 Morgen 62
Ruthen 20 Fuß Holzungen und Heiden, 3 Morgen 54 Ruthen 5 Fuß Wiesen, zusammen
41 Morgen 23 Ruthen 41 Fuß Magdeburger Maaß (oder rund 10,5 Hektar). Der
Erblasser hat dasselbe von der Kgl. Regierung zu Cöln den 12. Oktober 1827
angekauft, welcher Kauf am 31.May desselben Jahres vom Kgl. Finanzministerium
genehmigt worden ist. Daß die Kaufschillinge bezahlt wurden, beweisen die
Quittungen des Domainrates Schäfer vom 23. Oktober 1827. Am 13. May 1829 und am
11. Januar 1831 hat er von Bertram Neunkirchen noch zwei Parzellen dazu an sich
gekauft, und ergibt sich aus den Acten selbst die Bezahlung der desfallsigen
Kaufschillinge." Die beiden zuletzt erwähnten Parzellen hatten nach
Ausweis des Urhandrisses unmittelbar an den Domänengrundstücken gelegen;
deshalb war ihr Erwerb wichtig. Der Pächter heißt hier noch Bertram, in andern
Urkunden Heinrich Neunkirchen; dabei dürfte es um Vater und Sohn gehen.
Tücke
des Losentscheids
Statt leicht und günstig
zu vermietender Häuser hatten die französischen Familien Magnier in Paris und
Martin in Dünkirchen durch die Tücke des Losentscheids zwei Weingüte mit hoch
verschuldeten Pächtern erhalten - so hoch, dass ihnen die Weinernte des
laufenden Jahres bereits mit Beschlag belegt war. Man kann sich denken, wie sehr
den neuen Besitzern daran gelegen ist, das teure Erbe gegen gutes Geld
einzutauschen. Die Magnier müssen fünf Jahre warten, bis der Verkauf des
Reuschischen Weinguts an den Bonner Major Karl von Wumb gelingt; vom Schicksal
des Neunkirchenschen Weinguts werden wir noch hören. "Zu dem gegenwärtigen
Act wurden neun Stunden verwendet", und Notar Eilender kassiert einen
Stempel von einem ganzen Taler - das waren Zeiten!
Karl
Simrock wird im Jahre 1834 Weingutsbesitzer!
Das
"Haus Parzival“
war im Jahre 1840 fertiggestellt - Veräußerte sechs Siebentel der Fläche des
Weingutes
Nach einem
verschuldeten Weingut in Honnef stand dem Douanecontrolleur Josephe Antoine
Martin ebenso wenig der Sinn wie dem Steuereinnehmer Marcus Magnier. Herr Martin
und Frau Elisabeth hatten schon am 29. Oktober 1832, sechs Tage vor der
Verlosung des Simrockerbes, in Bonn unbeschränkte Vollmacht an Elisabeths
Schwager Antoine Keil erteilt, "den Verkauf der Mo- und Immobilien der
Erbschaft zu betreiben, alle Bedingungen dieserhalb festzusetzen, . . . in jeder
Streitsache zu comprömittiren, zu subttuiren, und überhaupt alles vorzunehmen,
was zum Behuf der in Frage stehenden Erbauseinandersetzung erforderlich werden dürfte,
unter dem Versprechen der Genehmhaltung wie Rechtens" - so Notar Eilenders
Urkunde.
Es scheint aber
Unzufriedenheit gegeben zu haben, wohl sogar Misshelligkeiten, worauf die
Bestimmung in Karl Simrocks Kaufvertrag schließen lässt, dass er befugt sei,
den Rest der Kaufsumme zinslos zurückzuhalten, bis Antoine Keil die
Schuldverschreibungen des Pächters und die Eigentumsdokumente über das Grundstück
herausgegeben hat. Jedenfalls erhält am 6. August 1833 der zweite Sohn von
Nikolaus Simrock, Franz Carl Anton, Besitzer des Hotels "Trierzer Hof"
in Bonn, vor zwei französischen Notaren in Dünkirchen unbeschränkte Vollmacht
für den Verkauf des Weinguts am Menzenberg. Die Vollmacht muss einen mühseligen
Weg nehmen: Der Präsident des Gerichts 1. Instanz bestätigt die Unterschrift
der Notare, deren Unterschrift der Gerichtspräsident in Donal, dessen
Unterschrift der Staatssekretär der Justiz, dessen Unterschrift der Sekretär
des Außenministeriums, dessen Unterschrift der Kgl. Preußische Geschäftsträger.
Ein Wunder, dass all das in sechzehn Tagen über die Bühne geht; erforderlich
wohl, weil der erhoffte Erlös von Bonn nach Dünkirchen transferiert
werden soll.
Es ist nicht sicher, dass Franz Carl Anton zu diesem Zeitpunkt
einen Käufer hat; denn erst am
13. März 1834 tritt er mit Bruder Karl vor den Kgl. Preußischen Notar Hermann
Joseph Rennen in Bonn; der eine "Gastgeber zu Bonn auf dem Markte
wohnend", der andere "ehemaliger Kammergerichts-Referendar nun Rentner in Bonn wohnend". Franz Carl Anton nimmt seine Aufgabe sehr genau;
der Vertrag hat sechs lange Paragraphen. Leider werden keine Daten angegeben, da
Karl Simrock als von der Familie bestellter Verwalter der Erbmasse, wie er hier
erscheint, diese selbst vor der Verlosung mitgeteilt hatte. Daraus ergibt sich,
dass zu diesem Zeitpunkt das Neunkirchensche Weingut noch seine alte Größe von
41 Morgen 23 Ruten 41 Fuß Magdeburger Maß (rund 10,5 Hektar) hat und die
Verkleinerung auf ein Siebtel aus Verkäufen durch Karl Simrock beruht.
Kaufpreis:
2367 Taler
Der Kaufpreis beträgt
2 367 Taler preußisch courant. Davon zahlt Karl an den Bruder sogleich 800
Taler aus, "welche Letzterer nachgesehen, richtig befunden, in Empfang
genommen und darüber quittirt hat." Der Rest ist bis Ende 1834 zu zahlen
und bis dahin mit fünf Prozent zu verzinsen. Franz Karl Anton nimmt auch das
sehr ernst: Zur Sicherheit dieser Forderung bestellt der Herr Ankäufer dem
Herrn Verkäufer die erste Hypothek an dem verkauften Gute daselbst und überläßt
es dem Herrn Verkäufer, dieselbe inscribiren zu lassen."
Forderungen
der Eheleute Martin
In § 3 geht es um
die Forderungen der Eheleute Martin gegen den Pächter Neunkirchen wegen der
diesem geleisteten Vorschüsse. Wie bei der Verlosung festgelegt, übernimmt
Karl Simrock sie zu fünfzig Prozent ihres Nominalwerts; Aie neue seitdem von
dem Pächter contrahirte Schuld jedoch zu ihrem vollen Werth, jedoch nur gegen
Aushändigung des von dem Pächter ausgestellten Empfangsscheines. Die alte
Schuld betrug nach Abzug der vorigjährigen Weincreszenz 166 Thaler 14
Silbergroschen; "die fünfzig Prozent davon werden Franz Karl Anton
sogleich vor dem Notar ausgezahlt. Die neue Schuld beträgt 54 Taler zuzüglich
13 Taler, die Anton Keil dem Pächter vorgeschossen hat.
Mutmaßung
bestätigte sich
In dem HVZ-Beitrag
"Baute Karl Simrock ein ganzes Haus?" vom 26.Juli 1991, hatte ich
gemutmaßt, Karl Simrock habe das Weingut 1834 erworben; das hat sich bestätigt.
Dass es aber schon seit 1833 seine Bleibe war, wird durch § 4 zur Gewissheit:
"Als Aequivalent für die frühere Benutzung dieses Weinguts von Seitens
des Ankäufers bezahlt derselbe ein Jahr Zinsen von dem vorstehenden Kaufpreis
von 2 367 Thalern, jedoch nur zu vier Prozent, wogegen der Verkäufer auf die
vorigjährige, sowie jede weitere Weincreszenz Verzicht leistet. Alle Staats-
und Communalsteuern für das vorige und alte weiteren Jahre hat der Ankäufer zu
entrichten übernommen, und wie der Ankäufer die in diesem Absatz übernommene
Zinsen vom 4. März vorigen bis zum 4. März dieses Jahres zu vier Prozent mit
94 Thaler 20 Groschen 5 Pfennigen dem Mandatar in meiner, des Notars, und Zeugen
Gegenwart baar bezahlt hat, so hat Letzteres hierüber quittirt."
Verpflichtung
des Verkäufers
§ 5 behandelt die
oben schon genannte Verpflichtung des Verkäufers, "die notarielle
Schuldverschreibung des Pächters Neunkirchen, sG wie die Eigenthums-Urkunden über
das Weingut, wie sie dem Nikolaus Simrock von der Kgl. Regierung übermacht
worden, und wie sie der Ankäufer in seiner Eigenschaft als Archivar der
Simrockschen Erben Herrn Anton Keil gegen Quittung überliefert hat, wieder
herbeyzuschaffen und ihm noch vor Ablauf des Jahres überhändigen zu lassen,
widringenfalls Ankäufer berechtigt sein soll, den Rest des Kapitals ohne
weitere Verzinsung solange zurückzuhalten, bis ihm die Urkunden übermacht
worden sind".
Schon
1832 auf Menzenberg wohnlich eingerichtet
"So geschehen zu
Bonn im Hause des Herrn Karl Simrock am 13. März 1834 ...". Karl Simrock
war 1832 nach dem Tod des Vaters also wohl im Herbst, von Berlin nach Bonn zurückgekehrt.
Da er mit dem ältesten Sohn seiner Schwester Elisabeth eng befreundet war, wird
es ihm nicht schwergefallen sein, nach der Verlosung vom Oktober 1832 die
Erlaubnis zu erhalten, sich auf dem Menzenberg wohnlich einzurichten. Wann der
Ausbau des Kelterhauses begonnen. hat, kann nicht mehr festgestellt werden. Eine
einfache Überlegung führt darauf, dass zuerst der nördliche Teil des
Kelterhauses, also zum Hang hin, aufgestockt wurde. Zum einen ist das im
Gegensatz zum soliden Bruchstein des Vorderhauses dünnes Fachwerk, das sich
schnell zimmern und füllen ließ. Zum andern führt gerade dorthin der
"Eiserne Gang", der Haus Parzival mit dem Pächterhaus verbindet. Pächter
Neunkirchen hatte Hausmeisterfunktionen; er musste während der Abwesenheit des
Besitzers beide Häuser versorgen, und dafür war der Verbindungsgang ideal.
Das
fünfte Los
Karl Simrock hatte
bis zum Tod des Vaters wohl kein nennenswertes Vermögen besessen. Das ihm
zugefallene fünfte Los umfasste das Haus Nr. 392 in der Maargasse, das mit 1600
Talern sehr gering bewertet war (das Wohnhaus der Eltern Simrock dagegen, mit 8
500 Talern); ferner mit 1893 Talern den Rest der Dotierung des Wicheishofes und
die mit 989 Talern bewerteten vielen Grundstücke in Bonn und den umliegenden
Gemeinden. Das macht 4 392 Taler aus, so dass Karl Simrock 1 608 Taler von der
"Masse" erstattet erhält. Da er nicht auf das Haus Nr. 392 angewiesen
ist (Gertrud Antoinette Ostler brachte das schöne Wohnhaus in der Acherstraße
mit in die Ehe), kann er den ungeliebten Besitz vollständig zu Geld machen. Außerdem
stand ihm ein Achtel des Erlöses für die vielen Grundstücke zwischen Bonn und
Rheindorf zu, die schon vor der Verlosung vom 4. November 1832 in acht selbständige
Lose aufgeteilt worden waren. Die Zahlung der 2367 Taler für das Weingut kann
ihm also nicht schwer fallen, zumal seine Frau im gleichen Jahr außer dem
Wohnhaus noch eine beträchtliche Mitgift mitbringt; nicht zu erwähnen das hohe
Mobilienvermögen des Vaters', das den acht noch lebenden Kindern im Juni 1832
zugefallen war.
Dokumente
sprechen für sich
Im Besitz des Weinguts veräußert Karl Simrock sechs Siebentel der Fläche. Der Erlös dafür steckt in "Haus Parzival", dessen zweistöckiqer Bau zur Straßenseite hin nach den Grundstücksverkäufen, also nach 1837 begonnen sein wird; 1840 ist er fertiggestellt. Die Berichte zur Vorgeschichte des Hauses, die sich in diesen Blättern zeigt, waren nicht immer ganz zutreffend. Es schien richtig, weitgehend die Dokumente sprechen zu lassen, die eine glückliche Fügung erhalten hat.
Die Jahre ab 1840
aus: Karl
Simrock 1802 - 1876 Einblick in Leben und Werk, Wissenschaftliche Beiträge und
Dokumentarisches anlässlich
Simrocks 200. Geburtstag am 28. August 2002, herausgegeben von der
Karl-Simrock-Forschung Bonn.
Von Roswitha Oschmann
"Seinen Menzenberg"
stellte der frischgebackene "Winzer" völlig "auf den Kopf'. Auf
dem mächtigen, fünf Jahrhunderte alten Gewölbekeller des Minoritenweingutes
errichtete er ein zweigeschossiges, spätklassizistisches Wohnhaus, in das das
alte Keltergebäude einbezogen wurde. 1840 war das Werk vollendet. Karl Simrock
gab seinem Heim den Namen "Haus Parzival". Der Schriftzug über dem
Eingang bezeugt es. Darunter die Signatur: "K. S. 1840 G. O." für
Karl Simrock und Gertrud Ostler. Kein Wunder, schließlich "geisterte"
damals jene Figur aus Wolframs von Eschenbach (1168-1220) Versepos durch
Simrocks Tagwerk. Er war gerade mit der Übertragung dieser Dichtung aus dem
Mittelhochdeutschen beschäftigt, die dann 1842 unter dem Titel "Parzival
und Titurel" erschien. Aber Karl Simrock huldigte in seinem Arkadien nicht
nur Wolframs Helden. Er glaubte an einen rheinischen Schauplatz der
Dietrichsage.
In Simrocks Werk tauchen Ortsnamen wie Köln, Bonn, Königswinter, Erpel, Unkel,
Selhof und das Siebengebirge mit dem Drachenfels auf. In der Nähe seines
Landhauses am Menzenberg stieß er auf Flurstücke wie Dederichsloch oder
Dederichskaule, Eckenhagen, Eckendorf, Eckenrod, das Geckental, das er als
Eckental deutete, und die Faselskaule, die seiner Ansicht nach die Fasoldskaule
sein musste. Ergo folgerte er: Riese Ecke wurde von Dietrich am Menzenberg
erschlagen, sozusagen vor Simrocks Haustür.
Ja, mehr noch: Im "wirklichen Leben" taufte Karl Simrock den Rotwein,
der bei ihm gekeltert wurde, "Eckenblut". Hätte Simrock, dieser Mann
mit dem ernsten, schmalen Gesicht, mit den buschigen Brauen, mit der hohen
Gestalt, der so streng, fast finster wirkte, den ihm eigenen Sinn für Humor und
Witz besser unter Beweis stellen können? Tatsächlich, zu einer Steigerung war
er noch fähig. Simrock widmete dem roten Muskateller von seinem Wingert sogar
ein Scherzgedicht. Nachzulesen auf den kunstvoll gestalteten Flaschenetiketten,
die dem fröhlichen Zecher auch noch einen optischen Reiz hinsichtlich der
Herkunft des edlen Tropfens boten: "Haus Parzival" und der Weinberg
sind darauf abgebildet. Die Landschaft hatte Simrocks Freund Carl Schlickum, den
Rahmen Kupferstecher Emden gezeichnet.
| Simrocks Studierstube im Haus Parzival. Radierung von Heinrich Reifferscheid 1905, nach einer alten Vorstudie. Einzige authentische Abbildung. Besitz des Originals: Gerhard Reifferscheid | ![]() |
Nebenbei bemerkt, an
Simrocks Weinhang wuchs nur der süße Rote; nicht typisch für Menzenberg. Laut
Abrechnungsbüchern aus dem 18. Jahrhundert betrug dort das Verhältnis von Weiß-
zu Rotwein sechs zu eins. Auch noch zu Simrocks Zeiten. 1825 existierten im
Distrikt Menzenberg 67 Morgen Rebfläche mit lediglich mittlerer Bodenqualität.
Dennoch waren die Kunden, zu denen Geistliche und Klosterbrüder zählten, mit
dem "Menzenberger", so der Sammelbegriff, durchaus zufrieden. Auch die
Grimms wussten Weine und Trauben, die ihnen Simrock aus seinem Geckental nach
Berlin sandte, zu würdigen. Sie kannten den "Eckenblut" schließlich
zur Genüge von den gemütlichen Zusammenkünften mit den Freunden her. Ein
Zeugnis für die beliebten Stunden lieferte das Gästebuch mit Widmungen,
Gedichten und Skizzen.
Wunsch des Bayernkönigs ausgeschlagen
Das offene Haus der Simrocks war auch Verdienst von Ehefrau Gertrud Antoinette -
gleich, ob in Menzenberg oder in der Bonner Stadtwohnung. Letztere nutzte
Simrock während der Semester, nachdem er 1850 zunächst zum außerordentlichen,
aber leider unbezahlten Professor für Geschichte der deutschen Literatur und
zwei Jahre später zum Ordinarius ernannt worden war.
Wenn ihn die Sehnsucht
nach dem Siebengebirge ergriff, dann postierte er sich am Alten Zoll und schaute
hinüber auf seinen Garten Eden. Bei dieser Heimatliebe verständlich, dass er
das ehrenvolle Angebot des bayerischen Königs Max Joseph im Jahre 1852, in München
als Dichter in unabhängiger Stellung eine Pension zu beziehen oder aber eine
Professur für 1 500 Gulden im Jahr zu übernehmen, ablehnte. Er blieb und
erhielt im Gegenzug endlich die ordentliche Professur in Bonn, die allerdings
lediglich mit vergleichsweise bescheidenen 400 Talern honoriert wurde. Er blieb,
auch wenn die Professoren seiner Heimatstadt dem Poeten unter ihnen mit
vornehmer Zurückhaltung begegneten. Aber der Inhaber des ersten germanistischen
Lehrstuhles in Bonn hielt auch als Universitätsprofessor an seiner Devise fest:
"Wein, Gesang, Geselligkeit können uns beglücken; wer den dreien sich
geweiht, spottet Schicksalstücken." Gab's hierfür einen besseren Hort als
Menzenberg? Das Schicksal schonte Simrock freilich nicht. Den besonders
fruchtbaren beiden Jahrzehnten zwischen 1840 und 1860 schloss sich wegen einer
Depression ein einjähriger Aufenthalt in einer Heilanstalt in Württemberg an.
Schmerzlich der Tod von Freunden - 1859 Wilhelm Grimm, 1862 Ludwig Uhland, sein
sprachliches und stilistisches Vorbild, 1863 Jakob Grimm - und besonders der
Verlust seiner Frau wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag. Simrock folgte
ihnen am 18. Juli 1876. Tags zuvor war er vom Schlag getroffen worden, mitten in
der Ausübung seines Lehramtes, als er das Ergebnis einer in altdeutscher
Literatur abgenommenen Prüfung schriftlich niederlegte.
Das Anwesen gerät in fremde Hände
Gertrud Antoinette Ostler hatte Karl Simrock vier Kinder geschenkt. Die älteste
Tochter Agnes (*1835) blieb ledig und lebte zu Menzenberg. Wenige Monate vor
ihrem Hinscheiden im September 1904 brannte noch die Gerätescheune des Pächterhauses
vollständig ab. Bereits 1893 und nochmals 1898 hatten die zu gleichen Teilen
erbenden Kinder - dazu gehörte auch die entmündigte, in einer Heilanstalt
untergebrachte Tochter Dorothea (1836-1911) beziehungsweise beim zweiten Anlauf
die Nachkommenschaft des bereits 1897 verstorbenen einzigen Simrock-Sohnes Dr.
Caspar Simrock (*1842) - durch Versteigerungen die Erbengemeinschaft über den
Honnefer Besitz zu beenden versucht. Aber erst 1907 war wieder ein Alleinerbe zu
vermerken: Heinrich Reifferscheid (1872-1945), Sohn der jüngsten
Simrock-Tochter Anna (18461905), die den Altphilologen August Reifferscheid
(1835-1887) geheiratet hatte. Schon als Schüler stellte der spätere Kunstmaler
Heinrich Reifferscheid sein Talent eindrucksvoll unter Beweis. Er verewigte das
"Haus Parzival" sowie Interieurs und Landschaft der Umgebung auf
Zeichnungen und in Öl. Besonders beeindruckend sein Gemälde "Abend in
Menzenberg", ein Abbild jener Stimmung, der sich Großvater Simrock schon
nicht entziehen konnte. Als er 1911 als Professor dem Ruf der Staatlichen
Kunstschule der Kunstakademie Berlin entsprach, veräußerte er nur ungern das
Anwesen an Pfarrer Richard Reinhardt. Das Mobiliar wollte er der Stadt Honnef
schenken; noch nicht einmal eine Antwort wurde ihm auf dieses generöse Angebot
zuteil. So nahm er das Inventar mit. Einige Stücke stehen heute im Stadtmuseum
Bonn.
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Karl Simrocks Haus' ist auf der Rückseite des 99 Pfennige Notgeldes von Bad Honnef aus den 1920er Jahren abgebildet, eine Federzeichnung von Heinrich Reifferscheid. Links und rechts ist der Text von Simrocks Weinetikett aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Textübertragung ist in dieser Publikation unter Weinetikett Menzenberg nachzulesen. |
Fabrikant Walter Bosch
aus Bochum sowie der Fabrikant und Pfarrer Richard Treplin aus Dänemark
leisteten sich jeweils für einige Jahre "Haus Parzival". 1929 wurde
Albert Coenders neuer Hausherr. Damit zogen über dem "PoetenTempel"
Gewitterwolken auf. Der Professor hatte schon fünf Jahre zuvor den nebenan
liegenden Leyenschen Besitz erworben. Der Zukauf war für ihn sozusagen
Selbstschutz. Coenders galt als Kauz, dem Nachbarn widerstrebten. "Haus
Parzival" war nur als "Barriere" gedacht, stand zunächst einfach
leer. Als Coenders' Schwester dessen Urlaub nutzte, um das Brennesseldickicht zu
lichten, wurde sie wegen Zerstörung der Romantik mit Hausverbot bestraft. 1935
wollte Coenders verkaufen; das realisierte er ebenso wenig wie eine
Instandsetzung. Bald darauf fiel eine Decke des Anbaues herunter. Im und nach
dem Zweiten Weltkrieg fanden Ausgebombte und Flüchtlinge unter teilweise unwürdigen
Bedingungen hier eine Bleibe. Beschränkte Reparaturen in den fünfziger Jahren
verbesserten nur geringfügig ihre Situation, und 1963 verließen sie die
unwirtliche Stätte. Gähnende Leere in den Räumen, Zerfall im Zeitraffer.
Allenfalls die Schüler des nahen Gymnasiums Schloss Hagerhof feierten in dem
verlassenen Gemäuer.
Die Rettung von "Haus Parzival"
Nach dem Tod Professor Coenders war das Testament, das er einem Studienfreund,
einem hohen Beamten, zur Aufbewahrung gegeben haben wollte, nicht aufzutreiben;
17 Erben stritten sich um Haus und Hof. Statt sich zu einigen, ließen sie
lieber weiterhin den Zahn der Zeit an den Menzenberger Immobilien nagen. Es
nahte der 100. Todestag Karl Simrocks im Jahre 1976. Am Rande einer Ausstellung
in der Bonner Universitätsbibliothek ihm zu Ehren zerbrachen sich der
Simrock-Biograph Professor Dr. Hugo Moser, Landeskonservator Professor Dr. Günther
Borchers und Professor Dr. Helmut Arntz die Köpfe über eine Rettung von
"Haus Parzival", zumal schon das Domizil an der Acherstraße im Krieg
zerstört worden war und nicht mehr dem Andenken des Gelehrten dienen konnte. Für
Prof. Arntz als Fachkollege Simrocks, als Bad Honnefer und nicht zuletzt als
langjähriger Präsident der "Gesellschaft für Geschichte des Weines e.
V." war es ein Herzensbedürfnis, "Haus Parzival" wieder zum
Leben zu erwecken. Der gebürtige Bonner (6. Juli 1912) konnte eine Erbin, der
ein 118tel Teil vom Hab und Gut Coenders zustand, dazu bewegen, Antrag auf
Zwangsversteigerung zu stellen. Damit war der Weg frei. Für Prof. Arntz war es
selbstverständlich, dass er den Besitz, auf dem sich so viele deutsche
Geistesgrößen vor über einem Jahrhundert wie zu Hause gefühlt hatten, wo
noch immer der Geist Simrocks zu verspüren war, ersteigern würde.
Am 16. Dezember 1981 war es soweit. Es erfolgte gleichzeitig der Eintrag in die
Denkmalliste. Nun begann die Arbeit. Ein Gutachter hatte zuvor noch das
vernichtende Urteil "abbruchreif" gefällt. Im "Haus
Parzival" floss das Wasser an acht, im Pächterhaus an drei Stellen
ungehindert hinein. Die Fachwerkwand war herausgebrochen, die Dächer waren völlig
zerstört, an den Balken zumindest die Köpfe verfault, die Fußböden
verrottet, alle Fenster von Unkräutern und Sträuchern zugewachsen, die teils
sogar schon im Inneren wucherten. Experten rieten Prof. Arntz von der
Renovierung des kleinen Hauses ab. Aber der Honnefer hatte dessen dicke Wände
begutachtet und ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Es dauerte
Jahre, bis endlich die triefenden Mauern unter den frischen Dächern
ausgetrocknet waren. Für den Retter dieses Refugiums der Schöngeister in der
Spätromantik ein schieres Wunder: Die Treppe hatte ebenso wie die Fenster, Türen
und die Außenläden, die teilweise im Garten herumlagen, alle Unbill überstanden.
Das Eichenholz war unversehrt, wie sich nach dem Ablaugen der bis zu sechs
Farbschichten herausstellte. Immer hatten auch die Fachleute des Rheinischen
Amtes für Denkmalpflege ihr wachsames Auge auf den Restaurierungsmaßnahmen.
Sie kratzten mit Pinzetten und ermittelten tatsächlich an fast allen Teilen die
ursprüngliche Farbgebung. Nun also erhielten Außentüren und Läden ein tiefes
Blau wie einst, und die Treppe wurde schwarz angepinselt. Die Holzelemente am Pächterhaus
hingegen leuchteten fortan wieder dunkelgrün. Aber für den wissenschaftlichen
Mitarbeiter des Denkmalamtes, Dieter Spiegelhauer, und den Leiter der Unteren
Denkmalbehörde in Bad Honnef, Hanspeter Palm, besonders faszinierend: die
Eigenwilligkeit des Hauses - der hohe mit einem Eisengerüst bewährte Gang, der
das Obergeschoss von "Haus Parzival" mit dem Pächterhaus verbindet.
Diese Brücke wurde nötig, als Simrock Professor wurde und nicht mehr so häufig
auf seinem Landsitz sein konnte; seinem Halfen war es auf diese Weise in
Abwesenheit des Besitzers möglich, auch Hausmeisterfunktionen wahrzunehmen. Vor
allem aber musste er sich um Anbau und Keltern des Weins kümmern, wovon Simrock
selbst - gelinde gesagt - kaum etwas verstand und was ihn darüber hinaus auch
nicht sonderlich interessierte; er trank ihn nur gern. Bemerkenswert ebenso: Im
Keller ist noch heute das Loch für die Schläuche zum Füllen und Abziehen der
Weinfässer zu entdecken.
Neu sind im einstigen Domizil des Dichters auch die sanitären Einrichtungen und
Elektroinstallationen sowie die Wasserleitungen. Früher wurde das Wasser aus
einem sieben Meter tiefen, von einer Quelle gespeisten Brunnen im Keller in
beide Häuser befördert - mit einer museumsreifen Maschine.
Zwölf Räume und fünf kleinere Kammern entstanden allein im "Haus
Parzival". Von Simrocks Einrichtung ist auf Menzenberg nichts mehr aufzuspüren.
Lediglich ein Schwengel von der ursprünglich neben dem Eingang plazierten Pumpe
verkörpert ein Relikt vom Blatt der Geschichte - als einst die Dichterschar an
den vielgerühmten, wärmenden Kachelöfen verweilte und sich der flackernde
Kerzenschein in den Weinpokalen spiegelte.
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Dr. theol. Gerhard Reifferscheid (* 1913 †26.7.2002) mit Kopfbedeckung links im Bild, und Prof. em. Dr. Helmut Arntz (* 1912 †31.05.2007) anlässlich der Einweihung des Literarischen Simrock-Freiligrath-Weges am 26. Aug. 2000 im Hof des Hauses Parzival in Menzenberg. |
Am 31. Januar 1985 zogen die beauftragten Handwerker ab, tags darauf die Mieter beider Häuser ein. Sie sind es jetzt, die die Idylle der Dichter und Denker genießen können. Aber Helmut Arntz, der beide Häuser denkmalgerecht wiederherstellte und der neueren Simrock-Forschung damit Impulse verlieh, gestattet die Nutzung des malerischen Hofes für Veranstaltungen auch der "Karl-Simrock-Forschung Bonn". Diese Forschungseinrichtung eröffnete übrigens im August des Jahres 2000 den sechs Kilometer langen "Literarischen Simrock-Freiligrath-Weg", der direkt am "Haus Parzival" seinen Ausgangspunkt hat und über Rheinbreitbach zum "Freiligrath-Haus" an der Uferpromenade Unkels führt. Gast ist auch die Weinbruderschaft Mittelrhein-Siebengebirge. Der alte Weinberg ist nicht mehr, auf dem einstigen Wingert stehen jetzt zwischen Fichten hohe, betagte Obstbäume. Da war es wie ein Geschenk, fast wie ein Gruß, als der Hauseigner überraschend eine meterlange Rebe erblickte, die sich zwischen den Ästen eines Apfelbaumes schlängelte. Eine Amerikaner-Rebe aus der Epoche Karl Simrocks am Menzenberg. Prof. Arntz ließ eine Pergola bauen, die dem kostbaren Fund seither Schutz und Entfaltungsmöglichkeit bietet. Die Weinbrüder fahren im Herbst die Ernte ein, keltern einige Flaschen voll des köstlichen Rebensaftes. Sie schnitten außerdem von dem alten Stock Reiser, setzten sie ein und schufen einen kleinen, neuen Weinberg. In einigen Jahren werden diese Ableger Trauben tragen. Und es wird noch mehr "Eckenblut" fließen.
Quellen:
Hugo Moser: Karl Simrock, 1976, Helmut Arntz: Das Karl-Simrock-Haus,
Denkmalpflege im Rheinland 4/85; Das Simrock-Haus, HVZ 12/84; Geschichte der
Simrocks in Honnef, HVZ 1/92, Adolf Nekum: Alt-Menzenberg in neuem Glanze, HVZ
4/85