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»Große Dinge hat
die Zeit Karl Simrocks Verse zur französischen Julirevolution, die zu seiner Entlassung aus dem preußischen Staatsdienst im Jahr 1830 führten
Zwölftes Kapitel der SchildbürgerQuelle: Projekt Gutenberg-DE zu
den Werken von
Karl Simrock Wie die Schildbürger die Ursache der Finsterniß in ihrem Rathhaus inne werden und ihr abhelfen. Die Schildbürger freute ihr neugebacken Rathhaus außermaßen sehr, hielten den ganzen Sommer lang immer Rath darin und handelten von wichtigen Sachen, das gemeine Wohl, das Vaterland und dessen Verbesserung anlangend. Sie hatten auch solches Glück, daß es jenen ganzen Sommer, wenn sie zu Rathe saßen, niemals regnete. Inzwischen begann aber der liebliche Sommer sein schönes, lustiges Angesicht zu verbergen, dagegen streckte der leidige Winter seinen rauhen Schnabel hervor. Das war ihnen ein sehr verdrießlicher Handel, weil sie nun fürderhin die Nase in die Kappe ziehen mußte. Darum bedachten sie denn alsobald, wie Einer unter einem großen breiten Hut (wie die sind, welche die jungen Laffen gemeinlich aus fremden Landen mitbringen, wenn sie so weit gewesen, daß sie in ihrer Heimath nicht mehr die Glocken läuten hören, und so lange ausgeblieben, daß sie ihrer Mutter Sprache vergessen sind, ihres Vaters Haus nicht mehr wissen, und darnach fragen, ja selbst die alte Katze nicht mehr kennen), wie Einer, spreche ich, unter einem großen Wetterhut sicher sein könne, also würden auch sie unterm Dach, welches dem Haus gleich wie ein Regenhut wäre, wider Schnee und Ungewitter beschirmt werden. Aus dieser Ursache machten sie das Dach in aller Eil mit gemeiner Hülfe wieder zu, mit dem Vorhaben, gleichwie sie den ganzen Sommer lang an der Sonne (wie der Schäfer auf der Heide) dem Faullenzen gedient hätten, so wollten sie sich den Winter hindurch in die Stube zum Ofen setzen und sich bei ihm um Hülfe und Rettung gegen erfrorne Glieder bewerben. Als aber das Dach wieder gedeckt war und sie ins Rathhaus gehen wollten, siehe zu, da war es leider eben so dunkel und finster darin als es zuvor gewesen war, eh sie von dem Wanderer die Taginshauszutragenersparungskunsterfindung gelernt hatten. Da merkten sie dann erst, daß sie hinters Licht geführt und häßlich betrogen wären. Aber sie mußten es dabei bleiben lassen und als zu einer geschehenen Sache das Beste dazu reden. Es war zu spät, den Beutel zuzuhalten, da das Geld hinweg, oder den Stall zu verschließen, nachdem die Kuh bereits daraus entführt war. Dessen unangesehen saßen sie wieder mit ihren Lichtspähnen (in deren Gebrauch, so lang ihr Rathhaus stünde, sie sich schon ganz und gar gefunden hatten) auf den Hüten beisammen und hielten geschwind einen engen Rath darüber, der sich tief in den Tag hinein verzog. Und als die Umfrage von Einem zu dem Andern ging, kam es auch zuletzt an Einen, der sich nicht den ungeschicktesten däuchte (seinen Namen lasse ich ehrenhalber verschwiegen bleiben); derselbe stand auf und sagte: er rathe eben das, was sein Vetter rathen werde; ging also mit Urlaub aus der Versammlung, vielleicht sich zu räuspern, wie denn die Bauern zuweilen so bösen Husten haben, daß Niemand um sie bleiben mag; oder um das Wasser die Berge hinab zu richten. Indem er also in der Finsterniß an der Wand (denn sein Lichtspahn war ihm erloschen) hin und her tappte, ward er von ohngefähr eines kleinen Risses oder Spaltes in der Mauer, wo es nicht recht zugemauert war, gewahr, wodurch er seinen schönen Bart einigermaßen sehen konnte. Da erinnerte er sich mit einem tiefen Seufzer seiner frühern Weisheit, auf welche sie Alle Verzicht gethan hatten, tritt wieder hinein und spricht: »Na also, ihr lieben Nachbarn, mit Urlaub ein Wort zu reden.« Als ihm Solches vergönnet worden, sprach er ferner also: »Na, sind wir aber nicht gedippelt doppelte Narren? Ich frage euch Alle darum. Es erweist sich wohl (um aus mehrerer alten hingeworfenen Weisheit hier etwas einzuflicken), welch ein kräftig Ding es sei, wenn Einer eine andere Gewohnheit an sich nimmt, als er zuvor gehabt; indem die gute Gewohnheit, die er von Natur empfangen, unterdrückt und abgethan, die angenommene aber, sonderlich, wenn sie böse ist, ganz an die Stelle tritt und so consuetudo altera natura 1) wird. Wir haben eine närrische Weise angenommen, da wir doch von Natur weise und verständige Leute gewesen: und nun, siehe, die angenommene Weise schlägt uns recht in die Art und treibt die angeborene Art aus; so daß wir, die von Geburt und Natur weise gewesen, nun von Natur und Art Narren sein und solche Unart nimmer wieder fallen lassen werden. Wir haben so ängstliche üble Zeiten mit unserm Rathhaus, von den Kosten an, und gerathen in große Verachtung, damit wir nur den Mangel finden und verbessern, und unser Keiner ist jemals so witzig gewesen, zu sehen, daß wir an das Haus keine Fenster gemacht haben, wodurch das Licht hereinfallen könnte. Das ist doch gar zu grob, zumal im Anfang unserer Thorheit, wir hätten nicht so auf ein Mal und auf einen Stutz hereinplumpen und platschen sollen, daß es auch ein rechter geborener Narr merken könnte.« Ob dieser Rede erschraken die Andern alle nicht anders, als ob sie Wer an den Hals geschlagen hätte, und verstummten wie die blinden Götzen, die ihr Lebenlang keinen Degen wetzen. Sie sahen aber auch einander an und schämten sich immer Einer vor dem Andern (wenn er nicht hinter ihm saß), wegen solchen großen Unverstandes und gar zu grober Narrheit. Darum fingen sie einhellig an, ohne erst Umfrage zu halten, die Mauern des Rathhauses an allen Orten zu durchbrechen, und war kein Schildbürger unter Allen, der nicht sein eigen Loch (wie jetzt die Schilde in den Stammbüchern und Glasfenstern) hätte haben wollen, von dem er sagen könnte:
Also ward das Rathhaus vollführt bis auf den innern Bau, von welchem aufs Baldigste zu vernehmen sein soll. Anm. 1 [Das Angewöhnte zur zweiten Natur]
Zwanzigstes Kapitel der SchildbürgerQuelle: Projekt Gutenberg-DE zu den Werken von Karl
Simrock Wie die Frau Schultheißin mit ihrem neuen Pelz zur Kirche stolzirte, die Predigt zu hören und was sich dabei begeben habe. Die folgende ganze Nacht lag meine gnädige Frau, die neue Schultheißin, in schweren tiefsinnigen Gedanken, welchermaßen sie doch den neuen Pelz anlegen und darin prangen möchte, damit sie ihres Mannes Standesehre nicht schändete noch herabwürdigte, wenn sie sich nicht gravitätisch genug, wie es einer Dorfschultheißin gebührte, anstellen sollte. Welches denn gemeinlich der Weiber Art ist, daß sie nur darauf denken, wie sie sich rechtschaffen aufmutzen, schmücken, zieren, schminken, aufdonnern, einpressen, schnüren, zöpfeln, häubeln, ums Hintertheil füttern und beharnischen, bereifen, bestreifen können u.s.w., damit sie nur ihren Männern Ehre (pfui der Ehre!) seien, ja, damit sie ihnen nur gefallen und oft ums Dinglein angesprochen werden. Indem sie sich also hin und her wandte und von ohngefähr mit dem Ellenbogen dem Herrn Schultheißen (der auch mit einem rechtschaffenen Narren, der ihm wenig Ruh ließ, schwanger ging und die ganze Nacht über damit zu schaffen hatte) so ungestüm in die Seite stieß, daß er davon erwachte, sprach er zu ihr: »Bei Wem liegst du?« – Sie that dergleichen, als ob sie schliefe und antwortete wie ein Hund, wenn er gefragt wird. Über eine halbe Stunde fragte er wieder. Da er ihr einen Ehrentitel nicht gab gedachte sie: da kannst du ein Auge zuthun, wie jener Bettelvogt sagte, welcher, so er ein Auge zudrückte, ganz blind war. Sie sagte also ganz maulfaul: »Bei dir.« Der gute Schultheiß, welcher seinen Ehrentitel noch nicht hörte, war dessen nicht zufrieden, daß sie ihn so abfertigte, stieß sie derowegen bald wieder, fragend: »Gnädige Frau Schultheißin, bei wem liegt E.W.?« Die Frau Schultheißin ward unwillig über die Frage, weil sie schon mit ihrem Pelz genug zu schaffen hatte und sagte deßhalb in rechtem Zorn: »Was fragst und plagst du Eins doch lang? Beim Narren liege ich!« – »Ei nein, Frau,« sprach der Schultheiß, »das sage bei Leibe nicht, daß du bei einem Narren liegst, denn der, bei dem du liegst, ist der Schultheiß zu Schilde.« Aus Solchem vermerkte die Frau, daß ihr E.W. der Schultheiß etwas unwillig und erzürnt wäre, kehrte sich derowegen um, gähnte, streckte und stellte sich, als ob ihr gedrümmelet hätte und sie eben aus dem Schlaf erwacht wäre: »Was, was ists?« sagte sie. Hiemit ward es Tag und kam eine Sau und biß ihm ein Ohr ab. Die gute Frau Schultheißin fürchtete immer, die ganze Nacht währe zu lang und es würde nimmer Tag werden, daß man ihren Pelz sehen könnte; sie freute sich also desto mehr, als sie den lieben Tag doch wirklich hereinbrechen sah. Also stand sie sehr früh auf und fing an zu mutzen und zu putzen, mit dem Vorhaben, dieweil es eben Sonntag und die Nachbarn alle in der Kirche bei einander versammelt wären, sich allda beschauen zu lassen, damit sie nicht etwa von Haus zu Haus und von einem Stalle zum andern gehen müsse, um sich besehen zu lassen, welches dann gar zu viel Zeit würde gekostet haben, indem sie auch zu mir und zu dir hätte kommen müssen. Mit diesen Gedanken war sie ganz und gar verhaspelt, verirrt und verwirrt, also, daß sie auch des Läutens in die Predigt nicht wahrnahm. Und als sie zuletzt nicht ohne große Mühe und Arbeit fertig wurde und meinen Herrn Schultheißen, welcher vor ihr stund und den Spiegel hielt, wohl hundert Mal gefragt hatte, ob sie hinten und vorne wäre wie eine Frau Schultheißin sein sollte und er Ja dazu gesagt hatte, ging sie aus dem Haus der Kirche zu. Gewißlich hat sie über die Gasse daher geprangt wie eine Geiß an einem Strick. Nun weiß ich nicht, was die Schuld war: ob meine gnädige Frau, die Schultheißin zu lang geschlafen oder ob der Meßner zu früh geläutet oder aber, welches eher zu glauben, ob der Pfaff des Abends zu ladridang beim Wein gesessen, also nicht auf die Predigt gestudirt und es also kudridurz gemacht habe: genug, als sie mit ihrem neuen Pelz zur Kirche hineinrauschte, war eben die Predigt aus, also daß Jedermann aufstand. Die gute Frau verstund den Handel nicht und beredete sich selbst, dieweil ihr Mann Herr Schultheiß und sie mithin Frau Schultheißin wäre und obendrein sie einen neuen Pelz an hätte, so geschehe Solches ihr zu gefallen und die Nachbarn stünden ihr und ihrem neuen Pelz zu gefallen auf. Sie sprach also ganz sittiglich und tugendlich (denn das hatte sie schon gelernt), indem sie sich auf beide Seiten kehrte, zu ihnen: »Liebe Nachbarinnen, ich bitte, bleibt sitzen, denn ich gedenke noch wohl den Tag, da ich eben so arm gewesen und so zerrissen und zerlumpt einher gegangen als ihr: darum setzt euch nur wieder nieder.« Bald nach ihr kam auch der Herr Schultheiß, welcher so lang an seinem Bart gestrählt und gestriegelt, hinein getreten, und als er sah, daß etliche Hunde in der Kirche herum liefen und Hochzeit machen wollten, sprach er aus rechtem schultheißlichem Eifer und bitterm Ernst: »Nun will ich auch eine Ordnung unter die Hunde bringen, sowohl als unter meine Unterthanen, welches ich bisher nie können zu Wegen bringen, damit man auch von mir zu sagen habe, oder ich will nicht ihr Schultheiß und Amtmann sein.« Daß aber die Predigt so kurz gewesen, das hatte die Ursache: der Pfaff hatte nur von vier Stücken gepredigt. Das erste, sprach er, weiß ich, aber ihr wissets nicht, sprach er; das andere, sprach er, wisset ihr, aber ich weiß es nicht, sprach er; das dritte, sprach er, wissen wir Beide nicht, sprach er; das vierte, sprach er, wissen wir Beide nur zu wohl, sprach er. Böse Hosen hab ich, das leider weiß ich; aber der lange Rock bedeckt mich, also daß ihr, so ichs nicht sage, nicht wissen mögt, sprach er. Dagegen wißt ihr, ob ihr mir wollt neue machen lassen, welches mir nicht bewußt ist, sprach er. Ich sollte euch sagen, was auf heute für ein Evangelium fällt: das weiß ich, so mir potz Kerbholz! nicht und ihr noch viel weniger, sprach er: aber das Wirthshaus wissen wir allesammt nur gar zu wohl. Hiemit nehme Jeder sein Häfelein und laßt uns Alle mit einander dahin ziehen und hinterm Tisch rathschlagen, wie man den Kaiser empfangen wolle, sprach er.
Dreißigstes Kapitel der SchildbürgerQuelle: Projekt Gutenberg-DE zu
den Werken von
Karl Simrock Wie zwei Schildbürger miteinander die Häuser vertauschten. Die Schildbürger waren gut daran mit ihrer Narrheit und trieben dieselbe so viel, daß sie es in Gewohnheit brachten. Wie sie nun zuerst aus reifem und wohlbedachtem Rath die Thorheit angefangen hatten, also schlug sie hernach in ihre Natur und Art, also daß sie fürderhin nicht mehr aus Weisheit Narrethei trieben, sondern aus rechter, erblicher, angeborener Thorheit. Und wer den Spruch Consuetudo est altera natura nicht glauben wollte, der würde von diesen Bauern überzeugt werden, denn sie konnten nichts mehr thun, es war Alles närrisch, eitel Narrethei und Thorheit, was sie gedachten, geschweige erst, was sie anfingen. So waren zwei unter ihnen, die einmal gehört hatten, daß Leute zu Zeiten mit Tauschen viel gewonnen hätten. Das bewog sie, ihr Heil auch an einander zu versuchen und wurden also eins, ihre Häuser mit einander zu tauschen. Solches geschah aber beim Wein, als sie des Kaisers Letze verzechten. Wie denn solche Sachen gern zu geschehen pflegen, wenn der Wein eingeschlichen und der Witz ausgewichen ist. – Als nun Jeder sein Haus einräumen sollte, nahm der Eine, der zu oberst im Dorf wohnte, sein Haus (denn damals hatten die Bauern noch nicht so große Paläste als sie jetzt haben) und führte dasselbe stückweis in das Dorf hinab: der andere aber, welcher zu unterst im Dorf wohnte, das seine dagegen hinauf, und hatten also einander den Tausch gehalten und geliefert. Wer lacht nun? Ei, Lieber, so lache doch! Oder ist es nicht lachenswerth, so salzt es mit dem Nachfolgenden, so wird es schmackhaft werden. Man muß ja Eins mit dem Andern verkaufen, und also Böses mit Gutem vertreiben.
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